Kokain und Arbeit

Lucy auf einer Bank neben einem Mistkübel in Wien
Screaming into the Void

Heute hatte ich eine Epiphanie während einer Thai-Massage. Irgendwie musste ich plötzlich an die Gruppentherapie in St. Radegund denken. Und an eine der allerletzten Sitzungen, eine der emotionaleren Sorte, wo danach alle zu mir kamen und mich trösteten. W. sagte, er hätte mich gerne als Tochter gehabt.

Das ist eigentlich eine so wahnsinnig berührende und schöne Erinnerung, ich weiß nicht, warum sie plötzlich “verschollen” war. Aber so ist das wohl mit den Erinnerungen bei mir.

Ich lege Gerümpel frei und versuche, es zu ordnen, oder mich davon zu trennen, wenn es nicht mehr dienlich oder kaputt/belastend ist. Das herauszufinden, und überhaupt mal so genau hinzuschauen, erfordert unglaubliche Kraft und Durchhaltevermögen.

Ich habe ein Tattoo am Rücken und liege bei der Thai-Massage. Aber das Krasseste, was ich je gemacht habe, war diese Burnout-Reha in St. Radegund.

“Loslassen” ist so ein großes Thema. Kryptisch, analog. Meistens bleibt es eine bloße Theorie.

Ich erzähle meinem Therapeuten von meinen Fortschritten, weil ich will, dass er stolz auf mich und seine Arbeit ist. Zu sehr People-Pleaser, um eine realistische Aussicht auf Heilung zu haben.

Meinen Freund_innen sag ich die Wahrheit:

“Wie geht’s dir?”

“Oasch, danke, dir?”

“… Warum!?”

“Des geht di an Schaß o.”

Meine Freund_innen sind stolz, dass ich nicht mehr weg renne. Nicht mehr mein Manager-Gesicht zeige; Ihnen nicht mehr weißmache, wie krass ich bin. Denn sie wissen das.

Wahre Stärke ist nun, die schrecklichen Dinge nicht mehr zu kaschieren.

Wahre Stärke bedeutet, seine Verletzungen zu heilen.

Sag nicht: “Ich bin krank.”, sag stattdessen, dass du beschäftigt bist mit Heilen. Worte sind so mächtig.

Stärke bedeutet, den Schmerz zu fühlen, der gefühlt werden muss.

Nur dadurch kannst du wirklich frei sein.

Die Masseurin bearbeitet meine Wade, als säße ein böser Geist darin. In meinen Augen – Tränen. Aber der körperliche Schmerz ist nichts im Vergleich zu den verschütteten Emotionen, die ich jetzt, 7 Monate später, fühle. Ich bin immer wütend, denn ich habe die selbe Diagnose, wie Menschen, die im Krieg waren. Aber es war nur mein Leben, in einem relativ reichem Industrieland. Ich habe First-World-Problems. Wie kann das sein?

War ich zu schwach?

Zu sensibel?

Oder wie viel Scheiße musste passieren, bis ich schlussendlich so abgefuckt war, dass ich keinem einzigen Menschen mehr vertraute?

Wieviel Scheiße musste passieren, bis ich vergaß, wer ich war, und mich nicht mehr erinnerte, was ich eigentlich gerne mache?

Wieviel Leid muss man ertragen, bis man sich komplett von allem und jedem zurückzieht?

Die Masseurin schlägt auf meine völlig verhärteten Muskeln. ich bin 32-18 Jahre lang gelaufen, ohne jemals den Mut gehabt zu haben, stehen zu bleiben, oder mich umzusehen. Deswegen sind meine Beine hart wie ein Bollwerk.

Die Masseurin zieht jetzt mit ihrer gesamten Kraft an meinem Bein. Ich lasse los, sie ist unglaublich stark. Obwol sie aussieht, wie eine zarte Porzellanpuppe. Sie weiß ebenso, dass es notwendig ist, den Schmerz zu fühlen.

Weil es sonst schlimmer wird.

Dass meine Muskeln irgendwann so hart werden, dass ich keinen Schritt mehr gehen kann.

Und genau das ist vor St. Radegund passiert.

Manchmal denke ich mir, ich hätte nicht hingehen sollen.

Manchmal würde ich am liebsten zu meinem alten Dasein zurückkehren.

In mein Studio, in das ich geflüchtet bin, weil ich mein “Privatleben” nicht aushielt. Zurück zum Lärm, dem Stress und den “normalen” Problemen, die ich immer so gerne löste.

Zurück zur Anerkennung, die unweigerlich folgt, wenn man lange genug einen guten Job macht. Wenn man süchtig nach seiner Arbeit ist.

Zurück zu Galeria, zurück zum “Gesehen werden”…

Aber ich wage keinen Schritt mehr. Nicht vor die Tür, nirgends mehr hin. Ich habe Schmerzen und fühle sie. Überall in meinem Körper, in meinem Kopf. Ich fühle auch die Angst, ein guter alter Bekannter. Aber ich kann nicht mehr laufen.

Loslassen ist ein bisschen so, wie aufgeben, aber komplett anders.

Genau so, wie Arbeitssucht ein bisschen so wie Kokainsucht ist. Das selbe High im Kopf, Dopamin, Adrenalin. Nur, dass Drogen bei mir nicht so funktionieren, wie bei “normalen” Menschen.

Bei mir löst meine Arbeit all diese tollen Dinge aus!

Aber man wird gesellschaftlich dafür gerühmt, was das Ganze noch mehr befeuert. Man brennt so lange, bis man keinen Stoff mehr hergibt.

Man brennt aus.

Mann brennt.

Aus.

Übrig bleibt nur ein Häufchen Asche.

Asche auf mein Haupt.

Hallo, ich bin Lucycore und ich bin ein Hustler arbeitssüchtig.

Disclaimer:

Ich befürchte, dass dieser Artikel die Runde in meinem alten Bekanntenkreis, machen könnte mit der Anmerkung, dass ich hier darüber schreibe, Kokain zu konsumieren oder konsumiert zu haben. Es wäre unheimlich lustig und genau mein Humor, wenn ich genau mit der Unfähigkeit mancher Leute, sinnerfassend zu lesen, spiele und es als Ragebait verwende. Aber so lustig bin ich nicht mehr. Ich habe einfach keine Energie mehr, mich dann andauernd wiederholen zu müssen, wenn manche Leute zu ignorant und sensationsgeil sind, um bei der langweiligen Wahrheit zu bleiben (oder den Artikel einfach nur aufmerksam und bis zum Ende zu lesen).

Too long didn’t read: Es ist mir eine Ehre und Freude, das Bild von einigen von mir zu zerstören, und ich gebe hiermit offen zu, noch nie in meinem Leben gekokst zu haben (und auch sonst keine anderen sinnesverändernden Substanzen zu konsumieren).

Comments are closed