Ein Anruf ohne Telefon

lucycore.at titelbild, artsy abstract
Screaming into the Void

Am Faschingsdienstag schrieb ich einem Freund ohne speziellen Anlass eine Nachricht, während ich in der Klo-Schlange darauf wartete, endlihc mein Getränk zurückgeben zu können. Er antwortete, dass er die letzten Tage bereits desöfteren an mich gedacht hätte und dass er es deshalb nun umso krasser fände, dass ich mich daraufhin selbst gemeldet hätte. Es hat mich, glaube ich, noch jemand um die selbe Zeit herum auf diese art “angerufen”.

Die letzten beiden Tage in St. Radegund auf meiner Burnout-Reha waren sehr schwierig zu ertragen. Der Abschied von allen war wie das ruckartige Abreißen von einem Pflaster, das auf der Seele klebt… wie eine Art Rausschmiss, zurück dorthin, wo man hergekommen ist.
Meine letzte Einzelsitzung mit meinem Bezugstherapeuten und der damit einhergehende “Verlust” meiner letzten Einheit des therapeutischen Schreibens.
Der Abschied meiner dort gewonnenen Freunde beim letzten Mal Kartenspielen im Teehaus;
Und mein Kollege/Mitpatient/Leidensgenosse (wie sagt man da?), der mich am Gang nach der letzten Schreibstunde ansprach, weil ihm mein Text so gut gefallen hatte, meinte, er wünscht sich, noch einmal was von mir lesen zu können. Daraufhin gab ich ihm meine Visitenkarte und sagte: “Ich werd was in meinem Blog veröffentlichen, aber gib mir ein paar Monate Zeit!”
Nun sind 52 Tage vergangen, seit meiner Entlassung, ich hab immer noch nichts geschrieben und meine ganze Webseite verfällt wie eine alte Ruine. Heute Nacht hatten wir so einen starken Schneefall, dass der Strom und das Telefonnetz (Internet natürlich auch) komplett ausgefallen sind. Meinen Kaffee hab ich mit dem Gaskocher gekocht. Aber es machte mir nichts aus. Ich weiß, dass der Strom wieder kommt, aber wernn nicht, ist es mir auch egal.

Jedenfalls, warum ich nun endlich wieder schreibe, hat den Grund, dass ich im Traum von meinem Kollegen/Mitpatienten/Leidensgenossen – ich nenne ihn jetzt der Einfachheit einfach “Oli”, wie Oli Sykes von Bring me the Horizon – geträumt habe:
Wir saßen wieder im Teehaus, und er war bisschen sauer, weil er seit Wochen immer wieder in meinen Blog schaute, dort aber nie einen neuen Eintrag fand. Ich bekam ein richtig schlechtes Gewissen, als ich aufwachte. Normalerweise vergisst man ja seine Träume recht schnell, aber vielleicht war das ja kein Traum, sondern ein Anruf.

Einmal hatte ich ein ähnliches Erlebnis: Damals, es war zwischen den Lockdowns und ich war in meinem Tattoostudion in Leopoldstadt. Damals war ich noch richtig cool, ich ließ meine Visitenkarten mittels Riso-Verfahren bei meinen Künstlerfreunden Jonathan (Kupfergott) und Julian drucken. Julian brachte mir persönlich gerade eine Charge frisch gedruckter Karten vorbei und zusätzlich noch ein paar Dosen Bier, die wir im Laufe des Nachmittags tranken. Dabei erzählte ich von meinen Gedanken, die ich mir (und er sich auch, aufgrund unserer großen Existenzängste als Künstler) machteund las ihm ein paar Zeilen vor, die ich zuvor geschrieben hatte. Er meinte, er möchte auch mehr davon hören oder lesen.
“Diesen Müll? Das ist nur die Schlacke meiner Gedanken, Gefühle und Emotionen, die ich auf diese Art und Weise versuche loszuwerden, um nicht völlig dem Wahnsinn zu verfallen.”, antwortete ich.
“Für dich ist es vielleicht Müll, aber für uns ist es Kunst. Ich möchte es lesen, mir gefällt es.”

Daraufhin fasste ich einen Entschluss: Wenn es nur eine einzige Person gibt, der mein Geschreibsel gefällt, oder vielleicht sogar hilft, dann ist es das wert, sichtbar und zugänglich zu machen. Daraufhin eröffnete ich einen Telegram-Kanal (nein, nicht so einen…), aus dem jedoch nicht hervorgeht, dass ich das bin. Es ist nur so eine Art Notizblock, aber niemand weiß, dass es “meiner” ist. Ich könnte genauso gut ein Mann sein, oder ein sich unverstanden gefühlter Teenager. Oder eine Oma, die Gott weiß was schon alles auf dieser Welt gesehen hat.
Das ist nun 6 Jahre her.
Also ich mit Matthias, meinem Freund, von St. radegund nach Hause fuhr, fiel mir dieser Channel wieder ein und ich schaute ihn mir wieder mal an. 2000 Views auf meinem letzten Post, 9 Abonnenten. Warum läuft das so gut? Warum interessiert niemanden meine echte Arbeit, wofür ich mir richtig Mühe gebe, in der ich auch richtig gut bin und sogar echt viel Geld fürs Social Media Marketing ausgegeben habe?
“Weil es eine Performance ist. Hier bist du echt. Und die Leute mögen das. Wir brauchen dich. Ich brauche dich…”

Warum habe ich Angst, das zu schreiben, habe aber gleichzeitig einen so großen inneren Druck, es zu tun? Manchmal fühlt es sich an, als würde ich in 1000 Scherben zerspringen, wenn ich nicht schreibe. Wenn ich es dann endlich mache, geht es mir danach immer besser. Und dann dieser unglaubliche Zuspruch, wenn ich was “ehrliches”, rohes und unbeschönigtes zeige.

Warum denke ich immer noch, dass jemand lügt, wenn er was schönes sagt,
oder ihm meine Arbeit gefällt?

Lucycore, 2026

Als ich meinen letzten Text “Was fühlst du?” in der Gruppe vorgelesen hab, wollte ich das erst gar nicht. Ich hab mich dafür regelrecht geschämt und fürchtete, dass es total konfus und chaotisch rüberkommen würde. Ich habe meinen eigenen Text (und damit auch meine eigenen Fähigkeiten und Gefühle) total abgewertet und herabgewürdigt. Aber die Reaktionen zeigten das genaue Gegenteil. Die Leute sprachen mich draußen am Gang auf diesen Text an und wie sehr er sie bewegt hatte.

Es kann nicht sein, dass all diese Leute lügen. Warum sollten sie das tun? Sie hätten keinen Vorteil davon. Vielleicht gefällt es ihnen ja wirklich. Und vor 6 Jahren hab ich Julian versprochen, dass ich diese “Echtheit” nicht mehr hinter Schloss und Riegel verkümmern und versteckt lassen werde. Vielleicht sollte ich mal anfangen, auf die Fans zu hören, anstatt auf die Feinde.

Comments are closed