Was fühlst du?

Ausblick aus meinem Zimmer während meiner Burn-Out-Reha in St. Radegund, wo ich diesen Text geschrieben habe.
Screaming into the Void

Momentan fällt irgendwie alles auseinander. Jede “Überzeugung”, alles, wofür ich mein Leben lang gearbeitet habe. Als Kind – ich erinnere mich noch sehr gut – hab ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass mich mal jemand fragt, was ich fühle. Oder mich einfach als Mensch sieht und wertschätzt. Als Kind wird man nämlich absolut nicht ernst genommen. Genau dieses Gefühl ist, wenn ich es mir recht überlege, eigentlich nie wirklich vergangen. Es war durchaus mal leiser, weil andere Gefühle einfach viel lauter waren. Aber weg war es nie ganz. Selbst, als ich noch “jemand” war, war das alles nie echt. Je menr Leute um mich waren, umso einsamer und unsichtbarer fühlte ich mich.
Aber was ist jetzt? Was fühle ich jetzt, wo das ganze Konstrukt wegbricht, bzw. abgebaut wird? Was fühlst du?

Manchmal fühle ich weniger. Das liegt daran, dass ich nicht hinspüre. Ich habe nämlich Angst, weil alles neu ist und neu sein wird. MEIN Leben hat ja gerade erst angefangen. Gründung. Mit all ihren Katastrophen, so wie damals bei der Gründung meiner GmbH. Ich fühle so viel, dass der Abfluss verstopft ist. Noch von früher, und von dem Kram von letzter Woche, des Jahres, der letzten 10 Jahre, der letzten 30 Jahre. Vielleicht sogar noch von Sachen von vor meiner Geburt. Vielleicht spüre ich noch die Angst meiner Eltern, als ihnen zum ersten Mal meine Existenz bewusst wurde. Es ist auf jeden Fall so viel, dass nichts abfließt, sondern manchmal überfließt. Was davon ist wichtig?
Nein, es fließt doch ab… Aber es dauert einfach seine Zeit. Ich bin ungeduldig. Ich muss einfach nur warten, nichts tun. Das hört sich leichter an, als es ist. Aber alles, was neu ist, ist nur am Anfang schwer, das weiß ich auch.

Was fühlst du? Das interessiert mich mehr, als mich das selbst zu fragen. Manchmal fühle ich auch das, ws eigentlich du fühlst. Vielleicht ist das mein Zugang zu meinen eigenen Gefühlen, dieses Sich-Selbst-Erkennen im Anderen. Vielleicht erkennst du auch etwas von dir selbst, wenn ich dir das so erzähle.

Meine Überzeugungen, die eigentlich nicht meine eigenen sind, meine Gewohnheiten und Sichtweisen, die langsam verschwinden, hinterlassen eine seltsame Mischung von Gefühlen:
Die Abwesenheit von diesem Zwang, die Abwesenheit dieser Last, fördert Empfindungen zutage, die gegen jede Logik sprechen. Es hinterlässt Heilungsschmerz. Wie Muskelkater. Es ist kein unangenehmer Schmerz. Man weiß, dass man das Richtige getan hat.
Ich schaue auf die Reste des Drecks im Waschbecken und sehe noch so viel mehr. Es ist so wie Kaffeesatzlesen: Alles, was war…
Welchen Geschmack wohl die vietnamesische Suppe hat, die seit 30 Jahren in dem selben Kessel kocht? Vielleicht kann man aus diesen Resten noch was Nützliches gewinnen. Die Teeblätter wirft man ja auch weg und trinkt nur das Wasser, die Erinnerung, dass der Tee mal da war, nor noch das, was er hinterlassen hat.

Wie werde ich sein, wenn alles abgeflossen ist? Was werde ich fühlen? Ich freue mich darauf. Wahrscheinlich kann man die Spuren wegwischen, aber ich werde mich trotzdem an alles erinnern.
Ich fühle Aufregung. Vielleicht sind Angst und Aufregung Schwestern? Oder ist es ein und das Selbe, nur anders gekleidet?
Gleichzeitig fühle ich mich ruhiger als je zuvor. Vielleicht kann MAN nicht gleichzeitig ruhig und aufgeregt und voller Angst sein, aber ICH kann das eben schon.

Ich fühle Müdigkeit und Erschöpfung. Das ist auch ein sehr altes Gefühl, das begleitet mich, seit ich in die Schule kam 1999. Es ging nie weg, ich konnte es nur temporär ausblenden oder überdecken. Vielleicht geht es auch fließt zusammen mit all diesem alten Dreck ab. Es wird das Letzte sein, denn es schwimmt immer oben drauf und drückt alles andere runter.

Ist HOFFNUNG ein Gefühl? Darf ich hoffen, dass die Müdigkeit vergeht? Auf jeden Fall fühle ich, dass sich etwas bewegt. Beim Abfluss kann man es auch hören, aber nicht sehen. Ich kann es bei mir fast hören.

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